Der Dinosaurier des Therapie-Theaters

Interview mit dem dienstzeitältesten Ensemblemitglied Michael Frädrich

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TTR: Hallo Micha, Du bist dienstzeitältestes Ensemblemitglied.
Wie bist Du damals eigentlich zum Therapie-Theater gekommen?

MF: Die Idee zum Therapietheater kam bei einem Sommerfest des Therapiecentrums an der Bundesstraße, das ich vor vielen Jahren (ich glaube, 1999?!) mit meiner Familie besuchte, um meinen langjährigen Sandkastenfreund Udo Reichle-Röber wiederzusehen. Bei diesem Fest sollte ein kurzes Theaterstück von betreuten Bewohnern aufgeführt werden. Kurz vor Beginn fehlte jedoch ein Darsteller und ward nicht mehr gefunden. Udo sah mich an der Bühne stehen und fragte mich, ob ich einspringen würde – kurz entschlossen sagte ich „ja“. Es machte einen Riesenspaß, und hinterher am Bierpilz ersponnen wir den Gedanken, ein integratives Theaterprojekt auf die Beine zu stellen… das war sozusagen die Geburtsstunde des Therapietheaters mit seinem wahrhaftig bunt gemischten Ensemble.

TTR: In welchen Inszenierungen und Filmen hast Du mitgewirkt, was waren Deine Rollen?

MF: Ich habe in so vielen Stücken mitgewirkt, dass ich schon selber fast den Überblick verloren habe; sind ja auch schon fast 13 Jahre, in denen ich „Bühnenpräsenz“ gezeigt habe…

Angefangen hat es als „Aushilfsjäger“ bei besagtem Sommerfest in dem Stück „Rotkäppchen im therapeutischen Wohnheim“, gefolgt von Shakespeares „Romeo und Julia“, in dem ich den „Benvolio“, Romeos Freund und, wenn man so will, sein „Gewissen“ spielte.

Danach sprang ich als „Peter Pan“ in grünen Leggins, oft wild krähend, über die Bühne. Seither ist auch bei uns im Ensemble der Ausdruck „Helden in Strumpfhosen“ ein geflügeltes Wort…

Ein echtes Highlight war die nachfolgende „Rocky Holstenhof Picture Show“! Der „Brett“, ein in seine „Janet“ verliebter, sehr „trockener“ Charakter, der durch die Umstände auf „lustvolle“ Abwege gerät: das war und ist bisher eine meiner favorisierten Rollen! Überhaupt hatte dieses Stück einen ganz hohen Spaßfaktor für das ganze Ensemble! Und ich glaube, auch für das Publikum…

Shakespeares „Sommernachtstraum“ und meine Rolle als „Demetrius“, der vom Vater für seine Tochter „Helena“ gegen ihren Willen erkorene Schwiegersohn, haben auch Spaß gemacht: Das erste Mal „durfte“ ich, zumindest zeitweise, auf der Bühne fies sein…

„Kuckucksnest“: Ein Stück mit hoher Brisanz, sowohl von der Diskussion im Vorfeld her als auch von der Thematik… Ich spielte darin einen der Anstaltspatienten, „Edward Dale Harding III.“ Eine äußerst interessante Erfahrung!

Danach folgte „Linie 8“, sozusagen ein „Schnelldurchlauf“ durch alle bisherigen Stücke. Ich schrieb dazu die Texte und führte erst- und bisher einmalig hauptverantwortlich die Regie. Rollen gab’s für mich deren mehrere (s.o.).

Mit den „Bluez Brothers“ wagten wir uns zum zweiten Mal an ein Stück mit viel Musik. Meine Rolle als Trompeter in DER BAND war eine witzige Sache! Ich weiß nicht, wie oft ich mir den Original Soundtrack des Films angehört hatte, um die Trompeteneinsätze möglichst genau hinzubekommen…

„Der Zug“ gestaltete sich schon vom Hintergrund her als eine echte Herausforderung und war, zumindest für mich, sehr emotional besetzt! Die Geschichte der Einwohner eines jüdischen Schtetls, „irgendwo im Osten Europas“, die sich im Sommer 1941 in einem zusammengekauften und -geklauten Zug selbst „deportieren“ um den vorrückenden deutschen Truppen zu entgehen… die eine Hälfte als Juden, die andere in Wehrmachtsuniformen… Kurz: Meine Rolle als „Mordechai“, der einen Major der Wehrmacht spielen soll, damit seine Freunde, Nachbarn und Verwandten überleben können, war schon starker Tobak. Dazu noch der Konflikt der Rolle, als „Mordechai“ sehenden Auges beginnt, „wie ein Deutscher“ zu sein…

Nach einer einjährigen Bühnenpause war ich als „Alfred Ill“ in Dürrenmatts „Der Besuch der alten Dame“ zu sehen: Eine schwierige Rolle, die mir viel abverlangte, gerade auch, weil ich parallel dazu im privaten Bereich eine schwere Zeit durchgemachte.

In „Jetzt oder Nie“, einer Tragikomödie um drei alte Damen, denen bei einem Banküberfall die Ersparnisse gestohlen werden BEVOR sie sie einzahlen konnten und somit verloren sind, und die deshalb beschließen, ihrerseits die Bank zu berauben, spielte ich drei kleinere Rollen: einen ermittelnden homosexuellen Kommissar, einen Bankräuber und den schleimig-fiesen Besitzer eines Altenheimes. Ratet gerne, welcher Part mir am besten gefallen hat…

Im letzten Jahr gab es für mich wieder eine „große“ Rolle: Als „Dr. Faust“ in Goethes „Faust. Der Tragödie erster Teil“. Was soll ich sagen: Ich hatte einerseits sehr großen Respekt davor; handelt es sich es doch immerhin um GOETHE! Andererseits: Die Geschichte, die wir dann auf der Bühne erzählt haben, war nichts anderes als Sex and Drugs and Rock’n’Roll! Und hat teuflisch Spaß gemacht!!!

Dann stand ich als „Walter Hollander“ aus Woody Allens Farce „Vorsicht. Trinkwasser!“ auf der Bühne; als ein amerikanischer Tourist, der in einem Land hinter dem Eisernen Vorhang Fotos von geheimen Objekten macht und deshalb mit seiner Frau und seiner Tochter vor der Geheimpolizei in die amerikanische Botschaft fliehen muss… Nach so vielen eher tragischen Charakteren (endlich?!) mal eine komische Rolle.

Ach, ja: Zwischendurch, so neben der Bühnenaktivität, habe ich auch bei Kurzfilmprojekten der „Filmsparte“ des Therapietheaters mitgemacht; z.B als Umweltschützer, der eigentlich nur am ehemaligen Grenzstreifen zwischen Ost- und Westdeutschland die mittlerweile angesiedelte Flora und Fauna kartographieren will und sich plötzlich just an selbiger Stelle im Jahr 1984 wiederfindet. Und von einer DDR-Genzstreife aufgebracht wird… wahrlich eine „Grenzerfahrung“!

Vorher wirkte ich noch in einem kleinen Streifen mit dem Titel „Hohocalypse Now“ mit, als ein Mitglied einer Selbsthilfegruppe, die die Gefahren des Rauchens unterschätzt…

Der dritte Film, bei dem ich eine Rolle übernommen habe, ist „DR3I. Run and Hide“ aus diesem Jahr. Er erzählt die Geschichte dreier KZ-Häftlinge, denen während eines Todesmarsches die Flucht gelingt und die in einem Luftschutzkeller über den (Wahn-)Sinn des Krieges diskutieren und dabei in ihre eigenen Geschichten abtauchen…

TTR: Welche Rolle mochtest Du am liebsten? Welche am wenigsten? Warum?
Welches Stück/Film mochtest Du am meisten? Welches am wenigsten? Weshalb?

MF: Welche Rolle(n) ich am wenigsten mochte, ist leicht zu beantworten: Die Filmrollen, abgesehen von der des Soldaten in „Dr3i“. Allerdings hat es weniger mit den Rollen als vielmehr mit dem Medium zu tun: Ich tue mich schwerer damit, vor der Kamera zu agieren! Besonders, wenn Einstellungen wiederholt werden müssen und/oder aus einer anderen Perspektive nochmal gedreht werden sollen. Außerdem fehlt mir beim Filmen der direkte Kontakt zum Publikum, wie man ihn nur auf der Bühne hat! Bei den Dreharbeiten zu „DR3I“ verhielt es sich etwas anders: Die Kamera lief bei den Innenaufnahmen einfach mit, es gab keine Perspektivwechsel und wenige Unterbrechungen. Außer, um die nächsten Inhalte des Gespräches zwischen den Protagonisten abzustimmen. Somit hatten diese Aufnahmen für mich mehr mit Theater spielen zu tun als mit Filmarbeit; in etwa so wie bei einem Kammerspiel. Und die Außenaufnahmen, tja, die waren dann halt ein notwendiges „Übel“…

Eine meiner Lieblingsrollen ist definitiv „Brett M.“ („Rocky Holstenhof…“). So herrlich schräg wie das Stück, so ist auch die Wandlung der Figur vom Langweiler zum Draufgänger. Und den Spaß, mal live auf einer Bühne zu singen, hat man nicht oft!

„Mordechai“, der friedliebende jiddische Holzhändler, der in eine „Nazi-Uniform“ schlüpfen muss, um sein Dorf zu retten – die Wandlung, die ein Mensch durchmacht, wenn man ihm Macht und eine Uniform gibt, seinen Gewissenskonflikt darzustellen, war eine große Aufgabe! Und die Aufführung dieses Stückes in der Jüdischen Synagoge in Bad Segeberg gehört für mich zu den emotionalsten Auftritten unserer Truppe!

Am gei….n war auf jeden Fall „Dr. Faust“, das irregeleitete Universalgenie, dem das reine Wissen so zuwider ist, dass er sich nach Fleischeslust sehnt und so in die Fänge des Teufels gerät; und sich und alle um sich herum ins Verderben stürzt: Eine, wie ich finde, immer noch aktuelle Geschichte! Damals wie heute gibt es Verführungen, denen wir ausgesetzt sind, und die, sollten wir ihnen (zu sehr) nachgeben, für uns nur von Nachteil sind. Welche das sein können, mag sich jeder selbst überlegen…

Der gebrochene Soldat in „Dr3i“: Auch so eine Herausforderung, die ich mit Respekt vor der Idee zur Rolle angenommen habe; gab es doch kein Skript, nur die Vita, die ich mir selbst, wie die anderen beiden Mitstreiter, Carsten Walszok und Oliver Henkel für ihre Charaktere, ausgedacht hatte… Auch der sehr reale Bezug der Thematik der Todesmärsche zur Reinfelder Historie; der Todesmarsch, der Reinfeld tatsächlich passierte, das macht für mich diese Rolle zu einer der realsten überhaupt! Der Gedanke „es hätte so sein können“ wie dargestellt, bewegt mich nach wie vor sehr… vor allem ist für mich der Film ein Statement dafür, dass ein totalitäres menschenverachtendes Regime, gleichgültig welcher Couleur, nicht tolerierbar ist!

TTR: Was ist Deine Intention, Theater zu spielen?

MF: Ich spiele Theater, weil es mir Freude macht! Ich liebe es, wenn unser Publikum, das ja immer ganz dicht dran ist, von dem, was wir als Schauspieltruppe GEMEINSAM auf der Bühne darbieten, gefangen ist – und dabei der Gedanke „auf der Bühne stehen auch Menschen mit einem Handycap“ überhaupt keine Rolle spielt! Weder beim Ensemble noch beim Zuschauer!

TTR: Was würdest Du gerne inszenieren? Welches wäre Deine Traumrolle?

MF: Darüber habe ich mir noch keine Gedanken gemacht…

TTR: Dein absolutes Lieblingszitat?

MF: Obwohl es in unserer Version, der „Rocky Holstenhof Picture Show“, außer bei den Proben, so nicht vorkam, lautet einer meiner Lieblingssätze: „Janet, I’ve got something to say.“ – liegt wohl daran, dass ich in Stimme und Tonfall dem Original recht nahe gekommen sein soll. So sagt man jedenfalls…

Ein anderer Ausspruch ist mir auch im Gedächtnis geblieben. Er stammt aus keinem Theaterstück, hat mich aber mit seiner Aussage und in dem Zusammenhang sehr berührt: Als wir in den Proben zum „Zug des Lebens“ waren, bekamen wir Besuch von zwei Vertretern der jüdischen Gemeinde Segeberg. Sie hatten sich bereit erklärt, unsere Fragen zur jüdischen Kultur zu beantworten, damit wir die Bewohner eines Schtetls besser darstellen konnten. Auf die Frage eines Ensemblemitgliedes, ob denn auch religiös gemischte Ehen im jüdischen Glauben möglich seien, antwortete einer der beiden Gäste etwa sinngemäß und für mich „typisch jiddisch“: „Ja, das ist möglich. Sehen Sie, im zweiten Weltkrieg sind sechs Millionen Juden umgekommen; da ist die Auswahl nicht mehr so groß!“

Tja, soweit meine Antworten – und: Stimmt! Ich bin tatsächlich das dienstälteste Ensemblemitglied! Wow! Das macht mich schon ein bisschen stolz…

TTR: Danke Micha, für dieses Gespräch und bleib uns noch lange erhalten!

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